Mittelalterliche Handschriften in WWW – von Studierenden erschlossen

Mittwoch, 16. Juli 2014 | Autor/in:

Mittelalter-Philologen arbeiten, wenn sie sich mit Handschriften beschäftigen, kriminologisch. Sie nehmen Handschriften als ‚dahingeschiedene‘ Zeugen, als Corpora, wahr und unterziehen sie einer Autopsie, um Auskunft über ihr ‚Vorleben‘ zu erhalten. Dabei interessiert den Philologen vor allem das, was der Zeuge mit sich trägt: der Text bzw. die ‚Story‘, die der Text über sich und den als ‚Transporter‘ begriffenen Zeugen erzählt. Steht der Zeuge als ‚Träger‘ im Mittelpunkt der Ermittlungen, so gilt die Aufmerksamkeit des Philologen vor allem dem äußeren Erscheinungsbild der Handschrift und den Spuren, die die als ‚Täter‘ begriffenen Schreiber, Auftraggeber, Benutzer vor Jahrhunderten in ihr hinterlassen haben: Sie geben Aufschluss sowohl über die näheren Lebensumstände des Zeugen als auch darüber, was die ‚Täter‘ dem Zeugen angetan haben, den ‚Tathergang‘. Nicht minder aussagekräftig ist das, was der Zeuge mit sich trägt. Auch dieses wird unter Augenschein genommen und einer genauen ‚Inventur‘ unterzogen, ist doch der Inhalt der ‚Taschen‘ nicht nur im Hinblick auf die Identität des Zeugen aufschlussreich, sondern verrät auch viel über das Interesse der/des ‚Täter(s)‘ am Zeugen, über ihr/sein Profil.

Autopsie4

Kriminologisch im oben beschriebenen Sinn sind auch die TeilnehmerInnen jener „Übung zur praktischen Arbeit mit Überlieferungsträgern“ tätig geworden, die ich im Wintersemester 2011/12 und 2012/13 im Rahmen des Master-Moduls „Philologie und Medialität“ angeboten habe und die auch im kommenden Wintersemester stattfinden soll. Die ‚Berichte‘ der studentischen Ermittler liegen nun ‚auf dem (digitalen) Tisch‘ (Desktop) und können über den Server der Universitätsbibliothek eingesehen werden. Sie gelten ausgewählten Handschriften der Privatsammlung Leuchte, die die Universitätsbibliothek 2006 erworben hat und die inzwischen vollständig digitalisiert ist (vgl. http://www.ub.uni-freiburg.de/index.php?id=leuchte). Ich möchte im Folgenden einen kurzen Erfahrungsbericht über ein Projekt geben, dessen Anliegen es ist, den Studierenden Gelegenheit zum forschenden Lernen zu bieten. Das Projekt dürfte für all jene Disziplinen interessant sein, die 1. auf die Erschließung von Quellen (Tagebüchern, Urkunden etc.) angewiesen sind, 2. an dieser Arbeit auch die Studierenden teilhaben lassen wollen und 3. Interesse daran haben, die Ergebnisse online (oder auch in Druckform) einer größeren (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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