UCF – Learning by Doing

Dienstag, 28. Juli 2015 | Autor/in: und 

las_tour25Dieses Semester ist Wolfgang Giernalczyk aus Maastricht als erster DAAD visiting fellow im University College Freiburg und unterrichtet den Kurs „Argumentation and Critical Reasoning“. In einem kurzen Interview berichtet er über seinen Hintergrund in der Lehre und Vorgehensweisen im Kurs.

Herr Giernalczyk, wie sehen Ihre Schwerpunkte in Maastricht aus und was sind Ihre Aufgaben in Freiburg?

In Maastricht bin ich am dortigen University College als Lecturer tätig. Die Lehre richtet sich dort an ca. 600 Studierende in Liberal Arts and Sciences mit einer breiten Ausrichtung und einem offenen Curriculum in den Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften. Als Ziel wird die Qualifizierung kritischer Akademiker und ebensolcher Bürger gesehen. Ich selbst bin als Politikwissenschaftler tätig und habe, neben der Lehre, auch die Aufgabe die Studierenden u.a. als ‚Academic Advisor‘ in ihrem Studium und ihrer Fächerwahl zu begleiten. Dies bedeutet persönlicher Kontakt und ebenfalls ein Hinterfragen von Interessen und Gründen für die Wahl bzw. das Ablehnen von Kursen. Manchmal hilft hier ein anderer Blickwinkel auf die Thematik. So können fachspezifische Informationen, die sich aus der Betrachtungsweise in einem wissenschaftlichen Feld ergeben, motivierend eingebracht werden und neue Wahloptionen aufgezeigt werden. Wir appellieren hierbei an die Selbstverantwortung der Studierenden für ihre Fächerwahl neben einem Pflichtcurriculum, das sich überwiegend auf ‚Core’-Kurse beschränkt. In den Niederlanden wird dieses Vorgehen als Erfolgsmodell gesehen. Kritische Stimmen sehen zwar die Gefahr einer mangelnden Vertiefung in einem solch breit gefächerten Curriculum, dies steht jedoch konträr zu der enormen Komplexität vieler empirischer Phänomene, die man durch intelligente Fächerkombinationen aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren kann. So kann man beispielsweise Physik und Ethik studieren und sich auch in diesen Fachbereichen ausreichend spezialisieren, um Zugang zu attraktiven Masterprogrammen zu haben. In solchen Programmen ist dann eine weitere Vertiefung möglich. Neben der Beratung der Studierenden habe ich auch noch andere Aufgaben, wie z.B. Eingangsinterviews mit Bewerbern auf Studienplätze durchzuführen. Meine Hauptaufgabe besteht jedoch in der Lehre, die sich in der Vermittlung und ganz besonders in der tatsächlichen Anwendung vom unterrichteten Material verfestigt. Mein großes Thema ist das Skills-Training in Argumentation, welches die Analyse und Präsentation von Argumenten umfasst. Dies ist auch meine Aufgabe hier in Freiburg. Ich leite hier am UCF den Kurs „Argumentation and Critical Reasoning“.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in ihrem Kurs?

Die Inhalte des Kurses biete ich in Maastricht im Laufe eines Semesters an, hier ist das Programm für ein Semester mit 6-8 Stunden pro Woche ausgelegt. Ein wichtiger Punkt ist die Vermittlung von Methoden-Tools. Das heißt weniger die inhaltliche Fokussierung auf Regeln oder Gesetze (auch wenn diese so weit wie nötig eingebracht werden), sondern die Studierenden erhalten Werkzeuge, um ihr eigenes Denken kritisch zu hinterfragen und einzusortieren. Es geht nicht um das Dozieren von formellen Regeln zur Analyse, sondern um die Fähigkeit Argumente in einzelne Teile runter zu brechen und deren Strukturen zu evaluieren und spezifizieren. In dem Kurs untersuchen wir gemeinsam Texte nach ihrem Argumentationsmuster. Dies fängt erst mit kleinen Texten an, als Ziel ist es dann wissenschaftliche Texte auf ihre Stringenz zu untersuchen. Die Studierenden können anschließend begründen, weshalb der Inhalt überzeugt bzw. nicht überzeugt. Dies hat auch zum Ziel Studierende dazu zu befähigen ihre eigenen Argumentationsmuster zu verbessern.

Wie gehen Sie in Ihrem Kurs vor?

Die Qualität eines Argumentes hängt sowohl von seinen Inhalt, wie auch von seiner Struktur ab. In der Analyse eines Argumentes sollte ich spezifizieren können wo die Stärken und Schwächen des Argumentes liegen – im inhaltlichen oder im strukturellen Bereich. Um das zu können, muss ich das Argument in seine Einzelteile zerlegen. Ein Vergleich mit dem Kochen kann diesen Ansatz veranschaulichen: Bei einem Essen kann ich beurteilen, ob es mir schmeckt oder nicht. Aber woran liegt das? Im ersten Schritt schaue ich mir die Zutaten des Rezeptes an, da weiß ich, dass ich keine schimmeligen Tomaten verwenden werde und auch die Menge an Salz ist bekannt usw.. Verglichen mit den Argumenten zerlege ich den Text ebenfalls in seine Einzelteile und schaue mir deren Inhalt an. Ist der Inhalt glaubwürdig oder nicht? Im zweiten Schritt schaue ich mir die Verbindung zwischen diesen einzelnen Teilen an. Passt die Struktur und ist sie logisch? Das entspricht dem Kochprozess – die besten Zutaten sind nicht viel wert, wenn ich sie falsch koche! So kann ich bewerten lernen, ob ein Text inhaltlich überzeugend ist oder die einzelnen Teile keine Verbindung haben. Um diese Vorgehensweise im akademischen Diskurs anwenden zu können, untersuchen die Studierenden ihre bereits verfassten Hausarbeiten. Dies hat den positiven Nebeneffekt, das die Studierenden nicht nur die im Kurs vermittelten analytischen Methoden anwenden, sondern dabei deren Relevanz für die eigene akademische Arbeit erkennen und zusätzlich noch über diese Arbeit reflektieren.

Welches Anliegen ist Ihnen für die Studierenden von besonderem Interesse?

Die didaktische Philosophie, an der sich mein Kurs ausrichtet, ist auch unter „Constructive alignement“ bekannt. Darin wird unter Lernen der aktive Prozess des Umgangs mit neuen Informationen verstanden. Wissen kann dann zu Änderung der Sichtweisen führen. Die Lehre hat nicht den Fokus auf den Lehrenden, sondern auf den Studierenden, wie es auch im Problem Based Learning der Fall ist. Als zweiter wichtiger Punkt ist in dem Alignement die Begleitung im Sinne der Förderung des richtigen Lernverhaltens zu sehen. Die Studierenden lernen nicht nur auf die Prüfung, sondern es gilt die Kursziele zu erreichen und die dafür notwendigen Lernaktivitäten sollten durch den Kurs getriggert werden – Kursziele, Lernaktivitäten und Prüfungen sollten aufeinander abgestimmt sein, sonst fördere ich ein falsches Lernverhalten. Die Wahl der Prüfungsart ist in diesem Bezug besonders wichtig. Da Lernende ihr Lernverhalten oft auf die erwartete Prüfungsart abstimmen, sollte die gewählte Prüfung den Kurszielen entsprechen. Wenn ich von den Studierenden erwarte, dass sie analysieren, ein logisches Gerüst aufbauen und einen qualitativen Anspruch auf ihre Entwürfe haben und ihre Vorgehensweise kontinuierlich hinterfragen, kann ich diese erworbene Kompetenzen nicht mit einem Multiple Choice Test bewerten. Die Prüfung sollte die Anwendung dieser Kompetenzen testen und nicht nur deren Reproduktion. Es gilt die im Kurs vermittelte Selbstreflexion primär auf wissenschaftlichen Arbeiten anwenden zu können, aber auch ihre Tragweite in der Gesellschaft zu sehen.

Literaturhinweise:

Über ‚Constructive Alignment’:
Biggs, J., & Tang, C. (2011). Teaching for Quality Learning at University: What the Student Does (4th ed.). Maidenhead: Open University Press / Mc Graw-Hill Education.

Über die Struktur von Argumenten und deren Analyse:
Govier, T. (2010). A Practical Study of Argument (7th ed.). Belmont: Wadsworth, Cengage Learning.
Toulmin, S. (2003). The Uses of Argument. Cambridge: Cambridge University Press.

Kontakt:

Wolfgang Giernalczyk
University College Maastricht
wolfgang.giernalczyk@maastrichtuniversity.nl

 

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