Interdisziplinäre Masterstudiengänge 2013

Mittwoch, 20. November 2013 | Autor/in: , , und 

master_Michael_Spiegelhalter_kleinWieder ist ein Semester um, wieder sind wir ein Stück näher an der Entscheidung: Master? Und wenn ja, welches Programm und wo? Trotzdem wir – Clara, Lisa, Lukas, Martin – durch den IndiTrack ein zusätzliches Jahr des Abwägens gewonnen haben, haben wir doch gleichzeitig durch das Besuchen der verschiedensten Fächer und Veranstaltungen massig Master-Alternativen hinzugewonnen, das Auswahlproblem ist dabei also keineswegs kleiner geworden. Und was uns jetzt besonders interessiert, sind – neben unzähligen Fach-Mastern – interdisziplinär angelegte Programme, in denen wir unser Wissen aus dem interdisziplinären Zusatzjahr auch sinnvoll anwenden und nach Möglichkeit noch ausbauen können. Also haben wir beschlossen herauszufinden, welche interdisziplinären Masterprogramme (Master of Arts und Master of Science) es in Deutschland derzeit so gibt. Dazu untersuchten wir im Sommersemester des Herrn anno 2013 Masterprogramme in den fünf Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Saarland und Sachsen. Heraus kamen zwanzig Favoriten (Tabelle 1) und zwanzig Alternativen (Tabelle 2). Für eine ausgewogene Beurteilung sorgte der fachliche Hintergrund: Wir repräsentieren über unsere Gruppenzusammensetzung die Fächer Geographie, Germanistik, Geschichte, Internationale Waldwirtschaft, Kognitionswissenschaften, Politikwissenschaften, Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaft – eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe par excellence.

Was ist eigentlich „interdisziplinär“?
Doch Moment: Was bedeutet „Interdisziplinarität“ für uns im Kontext des Master-Recherche-Projektes, und welche Kriterien leiten wir davon für die in Frage kommenden Studiengänge ab? Zuerst einmal wünschen wir uns eine möglichst breit gefächerte Zugangsberechtigung für die entsprechenden Masterprogramme. Bei den Geistes-, Verhaltens- und Sozialwissenschaften sollten mindestens vier bis fünf verschiedene – besser noch alle! – Bachelor-Fachabschlüsse für den Master qualifizieren. Im MINT-Bereich sind wir etwas weniger streng und veranschlagen mindestens zwei bis drei verschiedene Fachabschlüsse als Zugangsmöglichkeiten. Damit haben wir unser Auswahlkriterium aufgestellt, den interdisziplinären Zugang, der die Heterogenität der Studierendengruppe im Hinblick auf die Disziplinen gewährleisten soll. Bei unserer Recherche haben wir einen prototypischen Vertreter für genau diesen interdisziplinären Zugang an der Humboldt-Universität Berlin vorgefunden: Der Studiengang Wissenschaftsforschung (M.A.) glänzt durch die breit gefächerte Zugangsberechtigung über egal welchen Bachelorabschluss (sowie profunden Kenntnissen der Statistik). Doch was nutzen im konkreten Fall all die verschiedenen Fächer, wenn sie sich an einen Tisch setzen, um sich einer einzigen Disziplin zu unterwerfen? Das entscheidende Gütekriterium – nach dem Auswahlkriterium über den interdisziplinären Zugang – muss also inhaltlicher Natur sein: Welche interdisziplinären Studienbedingungen herrschen vor, wo wird sinnvoll problemorientiert und fachoffen zusammengearbeitet? Wo wird ein konkretes Problem von möglichst vielen Perspektiven aus analysiert? Das Gütekriterium für unsere Auswahl ist also das der interdisziplinären Öffnung der Studieninhalte – prototypisch umgesetzt beispielsweise von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Masterprogramm Interdisziplinäre Anthropologie (M.A.). Eine lange Liste an qualifizierenden Bachelorabschlüssen gewährleistet das Auswahlkriterium, die konzeptionell zentrale Verankerung der Interdisziplinarität sowohl inhaltlich als auch von der Zusammensetzung und Arbeitsweise her gewährleistet interdisziplinäres Lernen und Arbeiten.

Die Suche nach dem richtigen Studiengang
Die Vorarbeit ist getan und unsere Auswahl- und Gütekriterien stehen, also auf zu den zwanzig interessantesten Studiengängen! Es gibt ein paar Tendenzen, die sich allgemein feststellen lassen. Schon bei der Recherche fiel uns auf, dass nicht nur wir nach Interdisziplinarität Ausschau halten, offenbar springen einige Unis auf den seit ein paar Jahren beständig rollenden Zug Richtung Interdisziplinarität auf und hoffen, dass er schneller wird, je mehr Schlagwörter in Studiengangtiteln eingeladen werden. Viele Master schmücken sich deshalb mit dem Begriff der Interdisziplinarität – ein Trend, der nicht immer hält, was er verspricht. In unsere Top Zwanzig haben es berechtigterweise nur zwei Studiengänge geschafft, die sich die Interdisziplinarität (hier zu recht!) ertiteln, aufgestockt mit den zwanzig Alternativen werden es immerhin drei. Die restlichen scheiterten an unseren Kriterien, vor allem der tatsächlichen Ausrichtung der Inhalte. Ein besseres Schlagwort ist da vielleicht „global“ – u.A. im Master Global Studies (M.A.) der Universität Leipzig und gleichlautend der Humboldt-Universität Berlin zu finden, oder der Studiengang Global Change Ecology (M.Sc.) der Universität Bayreuth: „Global“ verspricht neben wechselnden Studienorten ein bunt zusammengewürfeltes, mehrsprachiges Kommilitonentum mit Problemstellungen, denen per se nicht mit den Werkzeugen nur eines Faches beizukommen ist. Den Studiengängen ist daran gelegen, ihre Bewerber aus vielen verschiedenen Professionen (mit und ohne Berufserfahrung) zu rekrutieren und sie gemeinsam an konkreten Fragestellungen mit gesellschaftlichem Durchschlag arbeiten zu lassen. Wer es dagegen etwas universitärer angehen lassen will und sich für das Wissens(chafts)system interessiert, der ist mit Schlagworten wie „Wissenskulturen“ und „Wissenschaftsforschung“ (beides M.A., Universität Stuttgart und Humboldt-Universität Berlin) gut beraten – wie wird Wissen begründet, gesammelt, geordnet, weitergegeben, neu interpretiert? Wie interagieren Wissenschaft und Gesellschaft? Auch hier stehen gesellschaftliche Prozesse und inhaltliche Interdisziplinarität im Vordergrund.

Auch die Naturwissenschaften sind mit dabei
Aufmerksamen Leserinnen (ja, Dir!) und Lesern (in diesem Falle Dir!) dürfte auffallen, dass wir bisher überwiegend Master of Arts-Programme als Beispiel genannt haben. Das ist ob der Gesamtzusammensetzung der Top Zwanzig grob unfair, denn wir sind – zufälligerweise! – zwischen den Top- M.A. und Top-M.Sc./Master of Public Health genau ausgeglichen. Also auf zu den M.Sc.! Direkt augenspringend schält sich heraus, dass alles, was mit Umwelt, Urbanität und Gesundheit zu tun hat, auch soziale Komponenten aufweist: Integrated Urbanism & Sustainable Design (M.Sc.) in Stuttgart, Public Health (Master of Public Health) in München, Raumentwicklung und Naturressourcen (M.Sc.) in Dresden oder Nachhaltige Energieversorgungstechnologien (M.Sc.) an der TU Chemnitz. Die sonst bisweilen mit dem Vorurteil der Abschottung belegten MINT-Fächer öffnen sich als Paradebeispiele für eine gemeinsame Betrachtung aus fachlichem Hintergrund und gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive und führen damit vor, dass Problemstellungen technischer und naturwissenschaftlicher Art auch immer soziale Komponenten aufweisen können – und soziale Probleme mitunter auch durch technische/naturwissenschaftliche Lösungen transzendiert werden können. Themen wie Energieversorgung und Urbanisierung sind in (fast) allen Gesellschaften aktuellste Problemstellungen und auch hier arbeiten die Studenten aus mehreren Fächern und Ländern produktiv zusammen: Beispiel noch einmal Raumentwicklung und Naturressourcen (M.Sc.) an der Universität Dresden. Und auch bei unseren ausgewählten M.Sc.-Studiengängen taucht das Schlagwort der Interdisziplinarität – wenngleich nicht im Titel, so doch in der Beschreibung – zu recht auf. Allgemein kann die sinnvoll erklärte und manchmal auch definierte Interdisziplinarität – lobend zu erwähnendes Beispiel: Medienkultur und Medienwirtschaft (M.A.) der Universität Bayreuth – in der (Kurz-)Beschreibung von Studiengängen meist als Indikator für tatsächlich interdisziplinär ausgerichtetes Studieren dienen, da es meist an die Studieninhalte gekoppelt ist und nicht nur als Braincatcher im Titel dient.

Die aus unserer Sicht besten Masterprogramme
Für unsere Recherche haben wir unzählige Studienordnungen, Studiengangsbeschreibungen, Daten und Zulassungsordnungen der verschiedenen Unis unter die Lupe genommen. Wir haben eine Favoritentabelle erstellt und auch unsere zwanzig (fast) besten Studiengänge nicht ganz umsonst recherchiert (Tabelle 2). Wir haben viele Daten erhoben und Meinungen verglichen, doch: Was lässt sich abschließend insgesamt über sehr gute interdisziplinäre Master festhalten? Am Auffälligsten ist, dass sie mit der Globalisierung Hand in Hand zu gehen scheinen und Ausdruck (nicht immer nur ganz) neuer, übergreifender Problemstellungen sein dürften, die (auch nicht immer ganz) neue Anforderungen an die Absolventen unser aller Lehr-Lern-Institutionen  stellen. Interdisziplinäre Studiengänge sind meist eng verknüpft mit konkreten Problemstellungen wie dem Klimawandel oder im Fach so angelegt, dass sie von vornherein eine interdisziplinäre Arbeitsweise erfordern – Beispiel Kognitionswissenschaften. Die geneigten Studentinnen und Studenten bewegen sich zudem meist und nicht ganz unerwartet auf internationalem Parkett. In den allermeisten Fällen ziehen die entsprechenden Masterprogramme außerdem eine große Bandbreite von Fachabsolventen und Fachabsolventinnen an, die so die Gelegenheit nutzen, an ihren Kommilitoninnen zu wachsen und von verschiedenen Blickwinkeln zu profitieren. Die Interdisziplinarität unserer Top-Master ist also zu großen Teilen mit einem Anwendungscharakter, internationaler Ausrichtung und breit gefächertem Zugang verbunden: Drei Kriterien, die ein interessantes Studium nicht garantieren, aber doch starke Hinweise darauf liefern können. Wer sich die zwanzig plus zwanzig Studiengänge noch einmal en detail zu Gemüte führen will, der greift (abermals) auf Tabelle 1 (unsere Favoriten) und Tabelle 2 (weitere Alternativen) zurück. Für uns vier heißt es jetzt: Noch ein Jahr Fachstudium, dann wird’s ernst und die Masterbewerbungen stehen an – vielleicht auf einen unserer hier vorgestellten Favoriten.

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Thema: IndiTrack

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