Gute Lehre braucht gute Rahmenbedingungen

Mittwoch, 27. November 2013 | Autor/in:

Charta

Was macht gute Lehre aus? Dieser Frage hat sich ein Qualitätszirkel, zusammengestellt aus vielen verschiedenen Hochschulen, gewidmet und trotz anfänglicher Bedenken festgestellt, dass dieser fach- und hochschulübergreifende Austausch über die Lehre sehr befruchtend sein kann. In der Charta (PDF) wurden zahlreiche Best-Practice Beispiele guter Lehre zusammengetragen. Auch die Uni Freiburg ist gleich mit drei Beispielen vertreten: Den Online Studienwahl Assistenten, dem Interdisciplinary Track und auch wir selbst, also die Impulswerkstatt Lehrqualität wird darin vorgestellt. In den kommenden Monaten wollen wir einzelne Kapitel der Charta detaillierter darstellen und damit zur Lektüre, aber natürlich insbesondere zur Diskussion anregen.

Eines der zehn Kapitel der Charta wurde redaktionell von der Universität Freiburg verantwortet. Gemeinsam mit der Universität Göttingen haben wir uns dem Thema „Rahmenbedingungen“ für gute Lehre gewidmet. Dabei wurde uns sehr schnell klar, dass die Frage der Finanzierung der Hochschulen eine zentrale Stellung einnehmen muss. Es wurde aber auch klar, dass es neben einer verlässlichen strukturellen Ausfinanzierung von Studium und Lehre weitere Stellschrauben gibt, mit denen die Hochschulen selbst, aber natürlich auch die (Landes-)Politik solche Bedingungen schaffen können, die gute Lehre ermöglichen und wahrscheinlich machen.

Fünf Bereiche haben wir identifiziert, die aus unserer Erfahrung heraus – und damit ist das Redaktionsteam der gesamten Charta gemeint – die Qualität von Lehre besondere Bedeutung haben. Wir haben versucht, diese in Grundsätze bzw. Leitlinien zu fassen und mögliche Handlungsoptionen für die Hochschulen, die Politik und die Kooperationsmöglichkeiten zwischen diesen beiden Akteuren aufzuzeigen. Diese Liste ist keineswegs als abschließend zu verstehen, sondern soll vor allem eines sein: Eine Grundlage zur Reflexion und Diskussion über die aktuelle Situation. Kommentiert und diskutiert werden kann das Kapitel übrigens online auf der Seite des Stifterverbandes.

„Die Autonomie der Hochschulen stärken“

Wenige Begriffe haben seit den 1990ern die Diskussionen über die Hochschule so sehr geprägt, wie der der Autonomie. Inzwischen ist die Diskussion abgeebbt, auch weil tatsächlich viele Kompetenzen von den Ländern an die Universitäten übergegangen sind, doch ist der Prozess noch keineswegs abgeschlossen. Die Politik ist weiterhin in der Pflicht, echte Autonomie zu ermöglichen, die auf Detailsteuerung (auch versteckte) verzichtet. Vor allem müssen aber die Hochschulen die neu hinzugewonnenen Spielräume aktiv nutzen. Dazu gehört die Professionalisierung der Verwaltungs- und Leitungsstrukturen um so nach innen und außen Transparenz darüber herzustellen, wie die (Steuer-)Gelder verwendet werden.

„Einen verlässlichen finanziellen Rahmen schaffen“

Man könnte meinen, dies sei der Klassiker unter den Forderungen schlechthin: Wir wollen mehr Geld! Und das ist sicherlich nicht ganz falsch. Doch es liegt nur zum Teil an der Quantität der Mittel, die den Hochschulen zu schaffen macht. Ein zunehmendes Problem sind die Auswirkungen der auch im Bereich der Lehre ständig steigenden Drittmittel-und Sonderprogramme: So hilfreich und notwendig solche Programme wie der Wettbewerb „Exzellente Lehre“ oder das Bund-Länder-Programm „Qualitätspakt Lehre“ sind um Reformen anzustoßen und innovative Ideen umzusetzen, so sehr zeigen sie auf, dass zeitlich befristete Programme eine strukturelle Ausfinanzierung nicht ersetzen können. Das Problem der massenhaft befristeten Verträge kennt man aus dem Bereich der Forschung bereits zur Genüge: Sie führen zu Arbeitsverhältnissen ohne langfristige Perspektive und zu einem steten Verlust von institutionellem Wissen durch die große Fluktuation. Eine langfristig gute Qualität in Studium und Lehre braucht eine langfristige Perspektive und nicht nur Strohfeuer. Doch auch die Hochschulen selbst sind angehalten ihre internen Prozesse zu überprüfen: Können beispielsweise zentrale Unterstützungsstrukturen so verbessert werden, dass die Dozierenden mehr Zeit haben, sich um die Lehre zu kümmern?

„Freiräume gesetzlicher Vorgaben gestalten“

Hochschulen: seid mutig! So könnte man diesen Grundsatz noch etwas pointierter ausdrücken. Mutig darin, alle bestehenden Freiheiten rechtlicher Vorgaben auszunutzen, um gute Ideen und neue Studienformate einzuführen. Es mag ein falscher, weil subjektiver Eindruck ein, aber viel zu oft nehmen die Hochschulen die gesetzlichen Regelungen oder beispielsweise die Vorgaben zur Bologna-Reform noch genauer, als sie eigentlich gedacht sind. Mut brauchen aber auch die staatlichen Stellen, solche Vorstöße der Hochschulen wohlwollend hinzunehmen, zu begleiten und beispielsweise durch Experimentierklauseln zu unterstützen – anstatt solche Weiterentwicklungen pauschal als „Wildwuchs“ zu bremsen, indem man die Schlupflöcher schließt.

„Die Rolle in der Gesellschaft aktiv wahrnehmen“

Eigentlich selbsterklärend und trivial? Hoffentlich, möchte man meinen. Schließlich leben wir in einer Wissen(schaft)sgesellschaft, die auf die Absolvent/innen der Hochschulen angewiesen ist. Dies bezieht sich natürlich auf die Gestaltung der Curricula, die den Bedarf von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft im Blick halten müssen. Aber auch darauf, den Studierenden über die Einbeziehung gesellschaftlich relevanter Themen in die Lehre zu ermöglichen, als mündige Bürger/innen ihre Rolle in unserer internationalisierten Gesellschaft wahrzunehmen. Mit dieser besonderen Bedeutung wächst aber auch die Verpflichtung, sich aktiv in den öffentlichen Diskurs einzubringen, aber auch noch stärker die Kommunikation mit den Schulen zu suchen.

„Die internen Rahmenbedingungen weiterentwickeln“

Hier sind die Hochschulen gefordert! Denn bei allen Verbesserungsmöglichkeiten, die nur die Politik möglich machen kann, können die Hochschulen bestehendes noch etwas besser machen: Etwa Maßnahmen anzugehen, die den Stellenwert der Lehre gegenüber der Forschung stärken. Hierzu zählen etwa gut dotierte Lehrpreise oder die Ermöglichung von Freiräumen für Lehrende, damit sie gezielt an der Verbesserung von Studium und Lehre arbeiten können. Auch die Infrastruktur kann bestmöglich an die Anforderungen zeitgemäßer didaktischer Konzepte angepasst werden – beispielsweise durch die Schaffung von Infrastrukturen für selbstorganisierte Lernkooperationen. Entscheidend ist aber, dass die gewonnene Autonomie im Bereich der strategischen und konzeptionellen Ausrichtung in Studium und Lehre durch professionelle Strukturen auf allen Ebenen der Hochschule voll ausgenutzt werden kann.

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Thema: IndiTrack, News & Ausschreibungen

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2 Kommentare

  1. 1
    Gert Fehlner 

    Ich finde, dass die direkte Lehr-Lern-Umgebung, in der Lernprozesse stattfinden, stärker in den Fokus bei den Überlegungen zur Verbesserung der Lehre rücken müsste.

    Zu oft verhindern z.B. unzureichende Räumlichkeiten (zu groß, zu klein, statische Bestuhlung, keine oder mangelhafte Verdunkelung, usw.) und mangelnde Unterstützung durch die Haustechnik (Personal) gute Praxis oder schränken sie ein.

    Leider haben Verbesserungen in diesem Bereich die unangenehme Eigenschaft, tatsächlich Geld zu kosten.

    Ausgiebig über didaktische und methodische Konzeptionen in engen Expertenkreisen zu diskutieren, ist dagegen nahezu kosten-, aber auch zumeist in der Tendenz wirkungslos.

    Davon zeugen Jahrzehnte vergeblichen Bemühens, den Unterricht an deutschen Unis auf ein Niveau zu bringen, das im In- und vor allem auch im Ausland den Anschluss an best practice und damit eine entsprechende Wertschätzung bringt.

    Wenig betreutes Dahinwerkeln auf abgewetzten Stühlen umrahmt von angegrauten Wände, durchbrochen vom Gang auf versiffte Toiletten, sind vermutlich dem Spass, der Motivation und dem Erfolg beim Studieren und dem Selbstwertgefühl der Studierenden nicht zu zuträglich, egal, in welchen Strukturen man sich bewegt, in Vor- oder Nach-Bologna-Studiengängen, und mit oder ohne Modulstruktur. Und selbst Lernplattformen oder andere digitale Orte könnten sich als nur beschränkt förderlich bei der Verbesserung der Situation erweisen.

    Abschliessend würde ich noch gerne dem Eifer, immer weiter zu reformieren und zu experimentieren, einen Riegel vorschieben und dafür plädieren, in der innovativen Vielfalt auch das zu verorten, was sich mittlerweile deutlich erkennbar abzeichnet als ein Sammelsurium idiosynkratischer exotischer Bildungsgewächse, die sich selbst genug sein mögen, aber nicht wirklich in eine Gesamtlandschaft passen, die von sehr handfesten direkten wahrnehmbaren Problemen gekennzeichnet ist.

    Wem wirklich an einem gedeihlichen Fortgang und einer Aufwertung der Lehre liegt, der muss sich einsetzen für bessere Ausstattung, bessere Betreuungsrelationen, und unbefristete Beschäftigungsverhältnisse.

    Wenn das alles zu teuer ist, dann wäre unmittelbar schon viel erreicht, wenn das in seiner jetzigen Form sowohl operativ wie auch strategisch ziemlich irre System der Dokumentation von Lehrerfolg durch ‚Prüfungs- und Studienleistungen‘ einer radikalen Revision unterzogen würde.

    Gert Fehlner, Englisches Seminar, Uni Freiburg

  2. 2
    Anita Anonym Uni Freiburg 

    Solange ein Grossteil der Lehre von befristeten, häufig drittmittelfinanzierten, damit oft in einer rechtlichen Grauzone operierender Wissenschaftler erledigt wird, wird sich in meinen Augen die Qualität der Lehre nicht entscheidend verbessern. Hier eine neue Initiative, dort eine neue Reform- auch mit Hut und klangvollem Namen bleibt Lehre am Ende eine Interaktion zwischen Dozent und Student. Was braucht der Dozent, um gut zu lehren? Die Antwort ist doch offenbar! Feedback-ja, Talent-ja- dann noch Motivation, Enthusiasmus, gute Vorbereitung; dafür benötigt er eine verlässliche Perspektive. Wenn sich am Ende des Tages die Frage stellt, noch etwas spannendes, lehrreiches, motivierendes für den Kurs vorbereiten, oder den Review, das Paper, den Antrag, das Experiment weiterbearbeiten, das über die Existenz der nächsten drei Jahre entscheiden könnte, fällt die Entscheidung leicht. Woher sollte die Motivation kommen, sich mit möglichen Verbesserungen der aktuellen Lehre zu beschäftigen, wenn man sich im nächsten Jahr schon an einer anderen Uni sieht. Zusätzliche ‚Freiräume’ werden nicht helfen, wenn die Vertrags, -Alters – und Paperzahluhr tickt.
    Deutschland baut auf die Verzahnung von Wissenschaft und Lehre. Wenn die Politik statuiert, dass ‚Befristete Beschäftigungsverhältnisse aufgrund von [..] zeitlich befristeten Forschungsprojekten und anderen Sachgründen [..] in der Natur des Wissenschaftsbetriebs’ liegen (aktueller Koalitionsvertrag CDU/CSU-SPD ‚Planbare und verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft’, S.27) ist das ein Hohn für jeden lehrenden Wissenschaftler. Ein Thema, dessen Förderung sich für zwei/drei Jahre lohnt, wird doch danach nicht plötzlich obsolet. Wieso schaffen es Unternehmen, ihre Forschung und Produktentwicklung mit größtenteils unbefristet beschäftigtem Personal voranzubringen, während an Universitäten schamlos die Leidenschaft der Mitarbeiter mit Kurzzeitverträgen und schlechter Bezahlung ausgenutzt wird.

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