Betreutes Lernen: Nein Danke!? – Eindrücke von der Programmkonferenz zum “Qualitätspakt Lehre”

Mittwoch, 25. September 2013 | Autor/in:

Mitbringsel_V2

„Dieses Formular hat mir meine Mutter aber nicht mitgegeben!“ Nein, solch eine Antwort möchte man von einem Erstsemester lieber nicht hören. Schließlich sind wir hier nicht mehr in der Schule – oder?

Wenn man sich das Programm der Konferenz zum Qualitätspakt Lehre anschaut, fällt auf, dass viele Hochschulen aktuell mit zahlreichen Beratungs- und Betreuungsangeboten versuchen, den Übergang von der Schule in die Uni zu erleichtern (mehr dazu im ersten Teil des Mitbringsels) und auch an unserer Uni gibt es Bestrebungen in dieser Richtung, wie z.B. das Kompetenznetzwerk Studierendenmentoring, das sich kürzlich auf der Impulswerkstatt vorgestellt hat. Mancherorts geht man noch weiter und bezieht Eltern mit speziellen Informationstagen in die Studienwahl ihrer Kinder ein. Doch auch schon auf der Konferenz kamen bei einer Plenumsdiskussion kritische Stimmen dazu auf und irgendwann fiel das Stichwort „betreutes Lernen“, das ich hier zur Diskussion stellen möchte.

Ich frage mich: Tun wir uns und den Studierenden mit diesen Angeboten tatsächlich etwas Gutes? Wie können wir erwarten, dass Studierende selbständig Denken und Handeln lernen, wenn wir ihnen alles vorsetzen wie in der Schule? Und die andere Frage, die ich mir stelle: Sollte ein gewisses Maß an Selbständigkeit nicht als Studienvoraussetzung gefordert werden können?

Ein Argument, das in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist dass sich die Studierendenschaft verändert hat. Studierende sind heute nicht immer volljährig, manche kommen aus bildungsfernen Familien, haben Migrationshintergrund oder kein Abitur. Sollten diesen Studierenden nicht dieselben Chancen geboten werden, wie dem Studenten, der auf eine lange Ahnengalerie von Rechtsanwälten oder Ärzten zurückblicken kann? Natürlich! Aber wie kann die Universität diesen unterschiedlichen Anforderungen Rechnung tragen ohne ihre eigenen Ansprüche zu verleugnen?

Sie sehen, ich bin etwas hin- und hergerissen, was dieses Thema angeht und würde gerne wissen, wie Sie das sehen! Schreiben Sie einen Kommentar und diskutieren Sie mit!

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Thema: Mitbringsel

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6 Kommentare

  1. Was für ein spannendes Thema, liebe Frau Ruhnke!
    Auch ich bekomme seit längerer Zeit nicht nur eine sich verändernde Studierendenschaft mit, sondern auch eine Menge von Meinungen dazu – mit den beiden Polen „Wir müssen mit dem Material arbeiten, was wir vorfinden, also Pampern, so viel wie es geht“ und „ Wer das nicht kann/möchte, hat hier nichts verloren“. Beide Haltungen sehe ich persönlich kritisch.
    Ich bin froh, dass ich mich seit Jahren mit einem Instrument beschäftigen darf, dass meiner Erfahrung nach eine gute Balance bietet:
    Mentoring kann, wenn es gut gemacht ist, Übergänge erleichtern, Potentiale fördern und zu einem fruchtbaren Austausch zwischen zwei Erfahrungsstufen beitragen. Mentees (also diejenigen, die sich in Zweiertandems oder Kleingruppen mit erfahreneren Menschen, den sog. Mentorinnen und Mentoren treffen) erhalten einen schnellen Einblick in die formellen und informellen „Spielregeln“, Verpflichtungen und Möglichkeiten des Studiums und lernen ein (häufig altersnahes) Vorbild kennen.
    Aber weil es beim Mentoring, anders als bei anderen sinnvollen Maßnahmen wie Beratung, Tutoring oder best. Lehrveranstaltungen, immer um eine konkrete Beziehung geht, muss auch der oder die Mentee aktiv werden, um die Vorteile für sich nutzen zu können.
    Mentoring soll nach Möglichkeit eben keine Einbahnstraße sein und wenn Mentees die Haltung haben „Mentor, gieße Dein Wissen über mir aus!“, wird das den Möglichkeiten sicher nicht gerecht.
    In dem Sinne ist also ein gewisses Engagement unerlässlich – natürlich nicht nur im Mentoring (aber das ist nun mal mein Lieblingsthema :-)) sondern im gesamten Studienleben.
    Die Inhalte, die Kontakte, die zu bewältigenden Lernaufgaben hingegen sollten so zur Verfügung stehen, dass alle Studierenden die Möglichkeit haben, fachlich und persönlich erfolgreich zu sein – das ist zumindest meine Meinung…

  2. 2
    Christina Schoch 

    Es ist eine Gratwanderung (und wird es auch bleiben).
    Empirisch wissen wir, dass Eltern bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium eine zentrale Rolle als Ratgeber spielen. (Wobei interessanterweise festgestellt wurde, dass Eltern zwar sehr oft konsultiert werden aber im Nachhinein als nicht SOOO hilfreich empfunden werden.)
    Auf der Meta-Ebene muss man Über-Bemutterung/-Bevaterung für (fast) Erwachsene sicherlich kritisch sehen. Wir „an der Front“, im Service Center Studium fahren die Linie, dass wir die Realität zur Kenntnis nehmen und uns entsprechend darauf einstellen – aber auch klare Grenzen setzen und z.B. mal sagen, dass es gut wäre, wenn ein Studieninteressierter alleine in die Beratung kommt.
    Letztendlich – und auch das haben wir spaßeshalber mal erfasst – sind es auch immer nur die Extremfälle, die den Weg in die Presse finden. Von Massen an unselbständigen Studis, die nur an der Hand ihrer Eltern überleben, kann man definitiv nicht sprechen!

  3. Vielen Dank für die Statements aus der Zentralen Studienberatung!
    Mich würde auch interessieren, wie die Lage in den Fächern aussieht: Wie stehen Lehrende zum Thema Betreuung bzw. Selbständigkeit fordern? Wo halten Sie Betreuung und Beratung für sinnvoll und wo ist es vielleicht übertrieben?

  4. 4
    Reiner Fuest 

    Auch ich bin für den Mittelweg. Es wird sicher Personen geben, die mit einem zu großen Wunsch nach Unterstützung kommen, aber es gibt sicher auch welche, die diese Hilfe benötigen. Sei es das Alter, die Herkunft oder schlicht die Komplexität des Universitätsbetriebs – Hilfe kann durchaus erforderlich sein.

    Ob die Unterstützung in 1:1-Gesprächen erfolgt oder die Rahmenbedingungen so optimiert werden, dass eine Selbsthilfe einfacher wird, ist eine andere Frage. Ein dauerhaftes Bemühen, Informationen zum Studium verständlich anzubieten und Prozesse nachvollziehbar abzubilden erscheint mir hier selbstverständlich. Dies betrifft die Verwaltung des eigenen Studiums aber auch das Lernverhalten.

  5. 5
    hannah 

    Hallo Frau Ruhnke, eine wirklich interssantes Thema. Die angehenden Studierenden sollten von den Eltern bzw. der Schule auf das Studium vorbereitet werden. Gehen müssen sie dann schon selbt. Wir können doch unseren „Kindern“ nicht alles „mundgerecht“ vorsetzen. Es müssen doch auch mal Fehler gemacht werden dürfen. Woher sollen sie den Erfahrungen bekommen? Woher resultieren denn unsere Erfahrungen. Fehler oder Fehlentscheidungen gehören doch zum Leben und das müssen unsere „Kinder“ auch lernen.
    Viele Grüße Hannah

  1. […] "Dieses Formular hat mir meine Mutter aber nicht mitgegeben!" Nein, solch eine Antwort möchte man von einem Erstsemester lieber nicht hören. Schließlich sind wir hier nicht mehr in der Schule – oder…Wenn man sich das Programm der Konferenz zum Qualitätspakt Lehre anschaut, fällt auf, dass viele Hochschulen aktuell mit zahlreichen Beratungs- und Betreuungsangeboten versuchen, den Übergang von der Schule in die Uni zu erleichtern (mehr dazu im ersten Teil des Mitbringsels) und auch an unserer Uni gibt es Bestrebungen in dieser Richtung, wie z.B. das Kompetenznetzwerk Studierendenmentoring, das sich kürzlich auf der Impulswerkstatt vorgestellt hat. Mancherorts geht man noch weiter und bezieht Eltern mit speziellen Informationstagen in die Studienwahl ihrer Kinder ein. Doch auch schon auf der Konferenz kamen bei einer Plenumsdiskussion kritische Stimmen dazu auf und irgendwann fiel das Stichwort “betreutes Lernen”, das ich hier zur Diskussion stellen möchte.Ich frage mich: Tun wir uns und den Studierenden mit diesen Angeboten tatsächlich etwas Gutes? Wie können wir erwarten, dass Studierende selbständig Denken und Handeln lernen, wenn wir ihnen alles vorsetzen wie in der Schule? Und die andere Frage, die ich mir stelle: Sollte ein gewisses Maß an Selbständigkeit nicht als Studienvoraussetzung gefordert werden können?  […]

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