POL: Nicht nur die Tutorenrolle ist ungewohnt…

Mittwoch, 8. August 2012 | Autor/in: , und 

Theorie und Praxis – Erste Erfahrungen aus dem IDA-Projekt zu wissenschaftlichen Kompetenzen in der Medizin:

Problemorientiertes Lernen ist ungewohnt
Wie nicht anders zu erwarten war, reagieren die Studierenden auf die für sie ungewohnte Lernmethode des problemorientierten Lernens (POL) sehr unterschiedlich, wobei außerdem die einzelnen Elemente des Lernens (Fall, Gruppendiskussion, Selbststudium) verschieden bewertet werden. Dementsprechend gehen auch die Meinungen im Hinblick auf den individuellen Lernerfolg auseinander.

Die Fälle: Je näher am klinischen Alltag, desto interessanter
Die Fälle wurden von den Studierenden dann als besonders interessant bewertet, wenn sie mit klinischen Fragestellungen verbunden waren, z.B. mit der Frage der Wirksamkeit von bestimmten Behandlungen. Weniger angetan waren die Studierenden dagegen von Fällen, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der alltäglichen Verwendung wissenschaftlicher Studien anregen sollten z.B. im Hinblick auf die angeblich gesundheitsförderliche Wirkung von sogenanntem „Functional Food“. Offensichtlich ist es für die Studierenden leichter, die Relevanz zu erkennen, wenn die im Fall angesprochene Thematik unmittelbar mit ihrem späteren Berufsalltag verbunden ist.

„Das Seminar kam mir gegen Ende hin wirklich sinnvoll vor und war interessant. Am Anfang hat es mich sehr frustriert, die Fälle waren viel zu einfach/unklar und der Sinn des Seminars war nicht klar.“

Diskussion braucht Struktur
Beim POL dient die Diskussion des Falls in der Gruppe dazu, alle aus Sicht der Studierenden darin enthaltenen Probleme herauszuarbeiten und soweit zu diskutieren, dass konkrete Lernziele für das Selbststudium formuliert werden können. Dazu sind verschiedene Lernschritte vorgesehen, die auf lerntheoretischen Erkenntnissen aufbauen und daher auch in der vorgesehenen Form abgearbeitet werden sollten. Obwohl in den meisten Gruppen intensiv zu den Fällen diskutiert wurde, empfanden einige Studierende diesen formalisierten Ablauf als unflexibel und wenig stimulierend. Mit dem Formulieren spezifischer Lernziele für das Selbststudium taten sich die meisten Gruppen anfangs schwer, im weiteren Verlauf gelang dies immer besser. Aus unserer Sicht ist das bereits ein wichtiges Lernergebnis, da spezifische und überprüfbare Fragestellungen für wissenschaftliches Arbeiten unabdingbar sind.

Prozessbegleitung vs. Wissensautorität
Die Rolle der Tutoren fokussiert sich beim POL auf die Moderation des Gruppenprozesses, inhaltliche Beiträge leisten sie mit Absicht nicht. Nach einem entsprechenden Tutorentraining konnten unsere Tutoren diese Aufgabe sehr gut bewältigen. Dennoch empfanden einige Studierenden und auch manche Tutoren die inhaltliche Zurückhaltung als schwer. Dies war insbesondere dann der Fall, wenn durch die Diskussionen in der Gruppe Unsicherheit darüber herrschte, ob ein bestimmtes Lernergebnis richtig ist oder nicht. Offensichtlich ist auch an der Universität der Wunsch nach einer „Wissensautorität“, die im Zweifelsfall alle Unklarheiten beseitigen kann, noch sehr groß. Diesbezüglich sind wir sehr gespannt auf die Ergebnisse zu den epistemologischen Überzeugungen der Studierenden, die wir im Rahmen der Evaluation erfasst haben.

Morgen erscheint hier die Fortsetzung. Erfahren Sie, warum die Medizinstudierenden meinen, sie hätten im POL-Kurs nicht viel gelernt – und wie Tutor/innen und Dozent/innen ihren Lernfortschritt einschätzen!

Alle bisherigen Beiträge der POL-Reihe finden Sie hier.

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Thema: IDA-Projekte

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