Methodenfragen spannend machen – Problemorientiertes Lernen in der Medizin

Mittwoch, 1. August 2012 | Autor/in: , und 

Methodik und Statistik: ungeliebt aber wichtig
Wissenschaftliche Publikationen kritisch zu rezipieren, ihren Ertrag zu bewerten und dem eigenen Entscheiden und Handeln zugrunde zu legen, sind zentrale Ziele eines Hochschulstudiums. Für die ärztliche Ausbildung ist das besonders wichtig, denn angesichts der großen Wissensdynamik in der Medizin, muss sich jeder Arzt ständig mit einer Fülle von wissenschaftlicher Literatur auseinandersetzen. Kompetenzen in Methodik und Statistik sind dafür eine wesentliche Voraussetzung. Vor diesem Hintergrund ist es besonders beunruhigend, dass sich Ärzte mit der Interpretation statistischer Zusammenhänge häufig schwertun (s. Ärzteblatt) und dass sich fast 40% der Medizinstudierenden nicht, weitere 40% nur teilweise und nur 21% stark in ihren wissenschaftlichen Methodenkompetenzen gefördert fühlen (s. Medizinischer Fakulätentag). Allerdings ist es auch kein Geheimnis, dass gerade die Auseinandersetzung mit Methoden und Statistik bei den Studierenden (auch außerhalb der Medizin) nur wenig beliebt ist, um es vorsichtig zu formulieren.

Problemorientiertes Lernen: Ausgangspunkt ist eine Fallvignette, die in der Impulssitzung (je 8-10 TN) zunächst diskutiert wird, um darin enthaltene Probleme und Fragen herauszuarbeiten. Auf deren Basis werden Lernziele definiert, die dann in der Selbstlernphase bis zur Ergebnissitzung erarbeitet werden. Dort werden die Ergebnisse zusammengetragen, kritisch diskutiert und gegenseitig überprüft.

Worum geht es?
Unser Lehrprojekt hat daher das Ziel, die wissenschaftlichen Kompetenzen der Studierenden zu verbessern und zwar in einer Form, die nicht nur Interesse und Motivation für die als trocken erlebten Inhalte weckt, sondern die Entwicklung der Kompetenzen auch durch eine passende Methodik unterstützt. Problemorientiertes Lernen (POL) erschien uns hier als besonders vielversprechend.

Lernen, die richtigen Fragen zu stellen
Problemorientiertes Lernen (POL) hat in der Ärzteausbildung eine lange Tradition. Bereits Mitte der sechziger Jahre stellten erste Fakultäten in Nordamerika und Schweden ihr Curriculum auf diese Methode um. Die Leitidee ist dabei, das Lernen analog zur Struktur des ärztlichen Handelns zu organisieren, welches ja immer von einem „Problem“, also den Beschwerden des Patienten seinen Ausgang nimmt. Ausgehend von Fallvignetten erarbeiten sich die Studierenden in kleinen Gruppen daher ihren Lernstoff vollkommen selbständig, was – konsequent umgesetzt – auch dazu führt, dass sie neben vertieften Kenntnissen weitere wichtige Kompetenzen erwerben, z.B. wissenschaftliche Fragestellungen zu formulieren, wissenschaftliche Datenbanken zu benutzen, die Qualität einer Quelle einzuschätzen.

Methodenfragen spannend machen
Die Kernidee unseres Projekts ist es, Problemorientiertes Lernen gezielt für den Erwerb wissenschaftlicher Methodenkompetenz einzusetzen. Dazu haben wir in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, die aus Kolleginnen und Kollegen der Medizin, Psychologie, Gesundheitspädagogik, Epidemiologie, Biomathematik und Statistik besteht, zunächst Fallvignetten erarbeitet. In deren Zentrum steht jeweils ein methodisches Problem. Das kann z.B. die Frage sein, welche Kriterien für die Qualität einer Therapie-Studie ausschlaggebend sind, welche Aussagekraft diagnostische Tests haben oder wie stichhaltig Studien sind, mit denen Firmen für angeblich gesundheitsfördernde Wirkungen ihrer Produkte werben. Die Fälle sind so angelegt, dass sie jeweils mehr als eine Frage aufwerfen, so dass die Studierenden selbst entscheiden müssen, welche Lernziele sie jeweils bearbeiten wollen.

Selbstverantwortet lernen, kritisch diskutieren
Die Studierenden treffen sich dazu einmal wöchentlich mit studentischen Tutorinnen und Tutoren (ein interdisziplinäres Team aus verschiedenen Fakultäten) und bereiten den Fall in ihrer Gruppendiskussion so auf, dass er als Ausgangspunkt für das anschließende Selbststudium dienen kann. In der darauffolgenden Woche werden dann die Ergebnisse des Lernens zusammengetragen und gemeinsam diskutiert, um sicherzustellen, ob die selbstgesetzten Lernziele auch erreicht wurden oder ob Fragen offen geblieben sind. Dokumentiert werden muss dabei auch, welche Quellen (z.B. Lehrbücher, vor allem aber wissenschaftliche Fachartikel) genutzt wurden, um einer unkritischen Nutzung von beliebten Werkzeugen wie Wikipedia (s. histnet) entgegenzuwirken.

Insgesamt wollen wir mit unserem Projekt neben methodischen Kompetenzen also auch zentrale wissenschaftliche Haltungen wie kritisches Denken, begründete Skepsis und argumentativen Austausch fördern. Ob uns das bisher schon gelingt, verrät die Fortsetzung in der kommenden Woche…

Alle bisherigen Beiträge der POL-Reihe finden Sie hier.

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: IDA-Projekte

Diesen Beitrag kommentieren.

2 Kommentare

  1. 1
    Niels H. 

    Auf TED.com gab es hierzu von Dan Meyer einen Vortrag über problemorientiertes Lernen im Zusammenhang mit Matheunterricht bzw. -lehrbüchern. Mir hat der Vortrag die Augen geöffnet, was eigentlich in unserem Bildungssystem falsch läuft. Hier der Link zu diesem wirklich inspirierenden Vortrag: http://www.ted.com/talks/dan_meyer_math_curriculum_makeover.html

  2. Vielen Dank für den Hinweis! Der Vortrag von Dan Meyer ist wirklich super und noch dazu sehr unterhaltsam: „I teach high school math. I sell a product to a market that doesn’t want it, but is forced by law to buy it…” (Dan Meyer)

Kommentar abgeben