Multimodalität: Lernen mit allen Sinnen, aktiv sein

Montag, 21. Mai 2012 | Autor/in:

Besonders wichtig ist mir, dass die Studierenden aktiv am Mal- und Bastelkurs teilnehmen und nicht nur passiv konsumieren. Dies wird durch unterschiedliche Vorgehensweisen erreicht:

Die Gruppentische verführen zum Reden: dadurch tauschen sich die Studierenden untereinander aus.

Professionelle dreidimensionale Plastikmodelle von menschlichen Gehirnen, die in 15 Teile zerlegt werden können sowie ein Schnittmodell des Kopfes stehen in ausreichender Zahl zur Verfügung. Die Studierenden benutzen diese Modelle, um sich ein haptisches Bild von der thematisierten Struktur zu machen.

Basierend auf Abbildungen im Referat und den Plastikmodellen stellen die Studierenden ein Knetmodell der jeweiligen Hirnstruktur her. Dadurch erst verstehen, be“greifen“ sie tatsächlich den Aufbau und die Erinnerungsleistung wird nachhaltig gefördert.

Auf weißen Badekappen zeichnen sich die Studierenden gegenseitig die Lappen des Cortex ein incl. Beschriftung und Funktion der einzelnen Bereiche.

Die Funktion der Gehirnareale verdeutlichen wir durch kleine Experimente (z.B. das Austesten von Reflexen, Motorisches Lernen etc.).

Interaktive Elemente, bei denen die Studierenden sich im Raum bewegen müssen und jeder mal dran ist, und nicht immer nur die, die sich melden: z.B. Zuordnen von Begriffen an der Tafel, finden des Paares Struktur-Funktion etc.

Neu im SS 2012: Vor Beginn des Kurses bekommen die Studierenden ein Pappmodell eines Gehirns, das sich aus drei Schnittebenen zusammensetzt. In dieses Pappmodell kneten wir tieferliegende Strukturen ein (z.B. Basalganglien, Thalamus), die in ihrer relativen Lage und in ihrem dreidimensionalen Aufbau ganz schön verzwickt sind. Somit verstehen die Studierenden nicht nur die dreidimensionale Struktur der einzelnen Untereinheit, sondern auch ihre relative Lage und Anordnung im Gehirn.

Zu diesem Thema würden mich besonders die lerntheoretischen Hintergründe interessieren. Besteht z.B. die Gefahr, dass die Multimodalität übertrieben wird und daher eher Verwirrung, als Vernetzung eintreten kann? Worauf muss man als Dozent besonders achten?

Darüber hinaus interessiert mich, ob auch andere Dozenten diese Methode einsetzen und inwieweit sie den Studierenden wirklich hilft Zusammenhänge zu verstehen. Ich freue mich über Ihren Kommentar!

Übersicht Beitragsreihe „Mal- und Bastelkurs“:
  1. Endziel: Rohbau
  2. Lernen mit Spaß
  3. Teilziele definieren: man muss nicht alles auf einmal verstehen
  4. Multimodalität: Lernen mit allen Sinnen, aktiv sein
  5. Konzentration auf das Wesentliche
  6. Wiederholung: ja; Gebetsmühlen: nein
  7. Was nicht funktioniert…

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Thema: News & Ausschreibungen

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2 Kommentare

  1. Liebe Frau Kirsch, liebe Leser/innen,

    wie in meinen letzten Kommentaren bereits angedeutet, ist Lernen ein aktiver Prozess des Konstruierens von neuem Wissen. Jede/r Lernende muss letztlich selbst lernen, indem er/sie aktiv Wissen konstruiert, von außen können wir als Lehrende das lediglich anregen und unterstützen. Sie, Frau Kirsch, unterstützen die Studierenden in Ihrem Kurs dabei, aktiv neues Wissen selbst zu konstruieren, indem Sie ihnen Aufgaben geben, die sie anregen, ihr eigenes Wissen zu konstruieren. Sie, Frau Kirsch tun dies durch Aktivität, die auch nach außen hin sichtbar ist, wie kneten und beschriften der Badekappen. Diese äußerlich sichtbare Aktivität wäre nicht unbedingt nötig, aber sie regt die mentale Aktivität an, die nötig ist, um Wissen zu konstruieren. Durch das Mittel, dass Ihre Studierenden Aufgaben erfüllen müssen, regen Sie sie also dazu an, nachzudenken, d.h. mental aktiv zu sein, was die Voraussetzung für Lernen ist.
    Sie fragen, auf was in diesem Kontext am meisten zu achten ist: auf die Ziele. Es sollte keine Aktivität der Aktivität willen angeregt werden, sondern jede Aktivität sollte so gewählt werden, dass damit die Ziele der Lehrveranstaltung erreicht werden können.

  2. 2
    Matthias Nückles 

    Liebe Frau Kirsch,
    dem Kommentar von Uli Hanke würde ich beipflichten: Es kommt jeweils darauf, welche geistigen Prozesse durch bestimmte Aktivitäten, seien sie kooperativ oder individuell angestoßen werden. Grundsätzlich glaube ich, dass die verschiedenen Aktivitäten, die Sie in Ihrem Mal- und Bastelkurs anregen, sinnvoll bzw. lernförderlich sind. Es sind allerdings nicht nur unterschiedliche Sinnesmodalitäten, die Sie ansprechen, vielmehr regen Sie, wie Bernd Weidenmann sagen würde, kodalitätsspezifische Tätigkeiten an: Wenn man sich ein Hirnareal auf eine Badekappe malt oder einen Gyrus in ein Papp-Modell knetet, sind das Tätigkeiten, die dazu dienen räumlich-visuelle Repräsentationen von Hirnstrukturen zu konstruieren. Etwas über den Aufbau des Gehirns lesen, wäre eine andere Art von kodalitäts-spezifischer Tätigkeit. Generell gilt in Bezug auf das Lernen, dass es produktiv ist, sich von einem Sachverhalt unterschiedliche Arten von Repräsentationen anzufertigen. Experten in bestimmten Domänen zeichnen sich typischerweise dadurch aus, dass sie in der Lage sind, unterschiedliche Arten von Repräsentationen zu generieren und zu vergleichen: Zum Beispiel eine mathematische Repräsentation mit einer verbalen oder mit einer räumlich-analogen. Für Anfänger, die sich in einen bestimmten Bereich einarbeiten, können manchmal bestimmte Kombinantionen Repräsentationen zu einer kognitiven Überlastung führen: Wenn man z.B. eine komplizierte graphische Darstellung eines medizinischen Sachverhalts betrachten soll und gleichzeitig dazu einen anspruchsvollen Lehrtext lesen soll, kann das zu einer Überlastung des visuellen Kanals führen. In einem multimedialen Lernprogramm würde man dann besser den erläuternden Text auditiv präsentieren, um so die Belastung auf verschiedene Kanäle zu verteilen (so genannter Modalitätseffekt).
    Ob es in Ihrem Kurskonzept tatsächlich etwas bringt, dass die Studierenden Hirnstrukturen mit Knete selber „nachbauen“, weiß ich ehrlich gesagt nicht so recht. Die Vorstellung, dass man etwas be-greifen muss, um es zu verstehen, geht auf Piaget zurück und wird heutzutage von der „Activity-Theory“ vertreten: Man muss etwas selber tun, damit man es tief verarbeitet und begreift. Rich Mayer, ein bekannter pädagogischer Psychologe, hat diese Annahme am Beispiel von Visualisierungen (graphical organizers) beim Lernen aus Texten untersucht: Studierende sollten biologische Lehrbuchtexte lesen und dabei entweder sich selber Visualisierungen konstruieren oder sie bekamen welchem, die von den Autoren angefertigt waren. Es zeigte sich, dass die Learning bei Viewing-Bedingung keineswegs schlechter war im Lernerfolg als die Learning by Doing Bedingung. Im Transfer-Test (Anwendbares Wissen) war die Learning-By-Viewing-Bedingung sogar substanziell besser. Bezogen auf Ihren Kurs müsste man mal experimentell untersuchen, ob das selbständige Kneten tatsächlich einen Mehrwert hat beispielsweise gegenüber dem Betrachten und Studierende von bereits fertigen 3D-Hirnmodellen. Es könnte sein, dass das etwas ungewohnte Kneten als Tätigkeit Arbeitsgedächtnisressourcen frisst, die dann für das Lernen nicht mehr zu Verfügung stehen. Diese Hypothese müsste man aber, wie gesagt, einfach mal testen. Falls Sie Lust haben, solch ein Experiment mal mit mir zu realisieren, würde ich mich freuen.
    Quelle: Stull, A. T., & Mayer, R. E. (2007). Learning by doing versus learning by viewing: Three experimental comparisons of learner-generated versus author-provided graphic organizers. Journal of Educational Psychology, 99, 808-820.

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