Lernen mit Spaß

Montag, 7. Mai 2012 | Autor/in:

Ich bin der Meinung, dass es lernförderlich ist, wenn eine positive Grundstimmung herrscht, die Studierenden Freude haben und wir gemeinsam eine schöne Zeit haben. Ich denke, dass dies eine Situation ist, in der das Gehirn aufnahmebereit ist und automatisch lernt, ohne dass die Studierenden sich extra anstrengen müssen. Daher versuche ich den Fokus im Mal- und Bastelkurs bewusst auf das „gemeinsame Erleben“ zu legen und nicht auf „das wird geprüft“ (eine Klausur gibt es eh nicht). Diese positive Grundstimmung erzeugen wir, indem die Studierenden an drei Gruppentischen sitzen, sich anschauen können, Teams bilden etc. Auf den Tischdecken stehen die Kursmaterialien (Gehirnmodelle, Knete, Malutensilien etc.).

Des Weiteren fungieren die Studierenden selber als Dozenten, denn jeweils zwei Studierende bereiten einen kompletten Kurstag / Thema / Gehirnstruktur vor. Der eigentliche Dozent rückt somit in den Hintergrund und greift nur steuernd ein. Das Lernen von Freunden/Kollegen steigert meiner Erfahrung nach die Akzeptanz, denn jeder ist ja mal dran.

Zu guter Letzt gibt es manchmal auch Süßigkeiten oder Kekse (z.B. bei Teamarbeit, kleinen Wettbewerben o.ä.). Dadurch wird das körpereigene Belohnungssystem stimuliert und Lernen unterstützt.

Was dieses Thema angeht, gibt es unterschiedliche Meinungen. Jeder weiß natürlich, dass sich auch traumatische Ereignisse dauerhaft ins Gedächtnis einprägen und das manchmal sogar besser als die positiven Ereignisse. Da ich aber in meinem Kurs nicht unbedingt die Prügelstrafe wiederbeleben möchte, habe ich mich dafür entschieden, dass der Kurs positive Erinnerungen hinterlassen soll und sich vielleicht auch dadurch von anderen Lehrveranstaltungen unterscheidet.

Daher würde mich interessieren, wie andere Dozenten die Balance zwischen positiver Grundatmosphäre und trotzdem einer Einforderung von Leistung und Mitarbeit umsetzen. Schreiben Sie mir einen Kommentar!

Weiterhin interessiert mich die Einschätzung der Experten hinsichtlich Belohnung/Bestrafung, positiver/negativer Erfahrungen im Zusammenhang mit der Lernmotivation und der späteren Erinnerungsleistung und wie man dies eventuell noch gezielter erreichen kann.

Übersicht Beitragsreihe „Mal- und Bastelkurs“:
  1. Endziel: Rohbau
  2. Lernen mit Spaß
  3. Teilziele definieren: man muss nicht alles auf einmal verstehen
  4. Multimodalität: Lernen mit allen Sinnen, aktiv sein
  5. Konzentration auf das Wesentliche
  6. Wiederholung: ja; Gebetsmühlen: nein
  7. Was nicht funktioniert…

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Thema: News & Ausschreibungen

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5 Kommentare

  1. Liebe Frau Kirsch, liebe Leser/innen,

    hier ist Ihnen, Frau Kirsch, etwas gelungen, was sich mit der Feldtheorie von Lewin (1969) erklären lässt – einer der aus meiner Sicht nützlichsten Theorien für die Hochschuldidaktik. Lewin geht davon aus, dass menschliches Handeln in Lebensräumen stattfindet. Diese Lebensräume weisen unterschiedliche Regionen auf. Diese sind für den Menschen attraktiv oder abstoßend. Die Regionen, die für einen Menschen attraktiv sind, strebt er als Zielregionen an. Die abstoßenden Regionen versucht er zu meiden. Allerdings ist er bereit, sie zu durchschreiten, wenn danach eine attraktive Region kommt, d.h. ein Ziel.
    In der universitären Lehre haben wir die Möglichkeit, die Ziele so attraktiv zu machen, dass die Studierenden auch abstoßende Regionen („Durststrecken“) durchschreiten, weil ihnen das Ziel wichtig genug ist, oder wir haben die Möglichkeit, die Lehrveranstaltung zu einer attraktiven Region zu machen, so dass sie bei den Zielen der Lehrveranstaltung quasi nebenbei ankommen, egal, ob sie sie als eigene Zielregionen anstreben oder nicht.

    Sie, Frau Kirsch, haben Ihre Lehrveranstaltung zu einer attraktiven Region im Lebensraum der Studierenden gemacht. Die Studierenden durchschreiten diese Region, weil es ihnen Spaß macht. Die Ziele erreichen sie nebenbei. Auf diese Weise müssen Sie, Frau Kirsch, „Durststrecken“ nicht überbrücken, indem Sie besonders attraktive Ziele setzen, oder das Ziel als das Bestehen der Klausur deklarieren.

    Frau Kirsch, Sie fragen noch nach Belohnung/Bestrafung und positiven und negativen Erlebnissen im Kontext von Erinnerungsleistungen. Hierzu nur eine kurze Antwort, die hoffentlich aber einprägsam ist: Natürlich erinnert man sich auch gut an negative Erlebnisse, aber Ihr Ziel in der Lehre ist ja nicht, dass die Studierenden sich an eine positive oder negative Lehrveranstaltung erinnern, vielmehr sollen sie sich an die Inhalte erinnern. Dass die Inhalte besser behalten werden, wenn sie mit einer negativen Erinnerung an die Lehrveranstaltung verknüpft sind, darf bezweifelt werden. Und im Hinblick auf die Erkenntnisse der Feldtheorie laufen Sie höchstens Gefahr, dass die Studierenden „aus dem Feld“ gehen, anstatt die Lehrveranstaltung als positive Region ihres Lebensraumes zu durchschreiten.

  2. „Lernen mit Spaß“ kann für mich (mindestens) zwei Ausprägungen haben: A) dabei Spaß haben (Kekse, Unterhaltung, Stricken) und B) damit Spaß haben (etwas verstehen, Probleme lösen und Erfolgserlebnisse haben, etwas anderen vermitteln können).

    Beides findet sich in der obigen Beschreibung aber besonders scheint mir eine Lehrveranstaltung als Lernveranstaltung gelungen, wenn die Studierenden damit Spaß haben. Vor allem scheint es mir für die Lehrperson viel leichter zu sein, mit dem B-Spaß umzugehen als mit dem A-Spaß. A-Spaß wird leicht zur Ablenkung und plötzlich essen alle Kekse. Da dann die Kurve zu kriegen ist nicht immer einfach. Ein sich selbst verstärkender B-Spaß ist dagegen kein Problem.

    @Kirsch: wie gehen Sie mit den Spaß-Typen um?

    @Experten: Gibt es dazu auch eine Theorie?

  3. Lieber Herr Dr. Fuest,

    vielen Dank für Ihren Beitrag und die Spezifizierung des „Spaß-Faktors“. Natürlich ist das eigentliche Ziel der „Spaß am Lernen“ und weniger ein „Chillen“. Ich habe bisher noch nicht das Problem gehabt, dass die Gruppe in einen Chill-Modus abrutscht. Dafür sorgen auch die jeweiligen Referenten des Tages, denn die müssen ihren „Stoff“ ja auch durchkriegen und die Studierenden kommen ja auch nichts zum Kaffeetrinken in einem Kurs. Ich beobachte sehr häufig eine hohe Eigeninitiative der Studierenden, die den Kurs gewählt haben, weil sie sich für das Thema interessieren. Vielleicht liegt mein besonderer Vorteil auch darin, dass der Kurs innerhalb eines Wahlmoduls liegt und keine Pflichtveranstaltung ist….

    Im Prinzip versuchen wir erstmal eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, dann steht natürlich das eigentliche Objekt, das Gehirn, im Vordergrund, dessen Ergründung einfach extrem spannend ist („B-Spaß“). Zwischendurch gibt es dann auch immer mal wieder Entspannungsphase „A-Spaß“, aber dann geht es immer wieder zurück zur Sache.

    Janina Kirsch

  4. Liebe Frau Kirsch,
    generell stimme ich Ihnen zu, dass eine positive Grundstimmung in einem Seminar dem Lernen zuträglich ist. Mit einem positiven Lernklima ist üblicherweise gemeint, dass die TeilnehmerInnen und DozentInnen sich gegenseitig wertschätzen, gemeinsam und konstruktiv an einem Thema oder Themenkreis arbeiten und dabei auch Freude empfinden. Herr Fuests Unterscheidung zwischen A-Spass und B-Spass ist allerdings richtig und auch wissenschaftlich belegt. Anne Frenzel und Elizabeth Stephens haben zur Rolle von Emotionen beim Lernen eine sehr lesenswerte Einführung geschrieben, in der sie den Forschungsstand dazu zusammenfassen und Empfehlungen für die Lehre ableiten (Frenzel & Stephens, 2011). Wichtig ist dabei, sich zu vergegenwärtigen, dass Emotionen ebenso wie Kognitionen auch Informationsverarbeitungsressourcen „verbrauchen“. D.h., wenn die TeilnehmerInnen in einem Seminar Spass haben, der nicht direkt auf lernförderliche Aktivitäten bezogen ist, kann es durchaus sein, dass dieser Spass dem Lernerfolg dann abträglich ist, weil die eigentlichen Lernprozesse dann zu kurz kommen (wenn zum Beispiel beim gemeinsamen Basteln Unterhaltungen entstehen, die dann nichts mehr im engeren Sinne mit dem räumlichen Vorstellen und Begreifen von Hirnstrukturen zu tun haben). Insofern kommt es darauf an, Lernfreude zu wecken, die direkt auf Aktivitäten bezogen ist, dem Erreichen des Lernziels dienen (nach Renkl, 2009, „fokussierte Informationsverabeitung“). Dies wäre etwa in Ihrem Seminar beispielsweise die Freude, die man beim Nachbilden von Hirnstrukturen mit Knetmasse empfindet oder wenn man sich bestimmte Hirnschnitte anschaut und versucht, die Strukturen zu identifizieren. Der bekannte Emotionsforscher Reinhard Pekrun spricht in diesem Zusammenhang von Tätigkeits- und Ergebnisfreude (siehe Frenzel & Stephens, S. 40). Aus der Freude an lernförderlichen Aktivitäten entsteht dann die Motivation, diese verstärkt auszuüben. Übrigens ist die Befundlage, in welcher Stimmung man am besten lernt, relativ uneinheitlich. Zum Beispiel gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass analytische Lern- bzw. Denkaufgaben besser in einer neutralen Stimmung erfolgreich gelöst werden können.
    Ihrer Aussage, dass das Gehirn in einer positiven Grundstimmung aufnahmebereit ist und „automatisch lernt, ohne dass die Studierenden sich extra anstrengen müssen“, kann ich insofern nicht gänzlich zustimmen. Richtig daran ist sicher, dass Studierende nicht gut lernen können, wenn sie starke Angst vor Misserfolg erleben und in dieser Situation durch Grübelgedanken, die das eigene Scheitern thematisieren, gestört werden. Aber solche Situationen kommen wohl eher selten vor, und nur vergleichsweise wenige Studierende leiden unter einer so starken Prüfungsangst, dass ihr kognitives Funktionieren dann substanziell eingeschränkt ist. Die Aussage, dass das Gehirn automatisch lernt, würde ich auch eher in Zweifel ziehen, denn die meisten akademischen Lernprozesse – wie sie in Seminaren und Vorlesungen stattfinden– benötigen Arbeitsgedächtnisressourcen und sind insofern bewusst und vom Individuum kontrolliert. Man lernt also keineswegs automatisch, sondern es kommt vielmehr darauf an, Prozesse der Wissensorganisation (Strukturieren, Ordnen) und Elaboration (Verknüpfung mit dem Vorwissen, Veranschaulichen, sich etwas erklären) intentional bzw. gezielt einzusetzen, um so eine tiefe Verarbeitung und damit ein tiefes Verständnis zu erreichen. Frenzel und Stephens erwähnen in ihrem Kapitel Befunde, wonach Lernende durch Kompetenzerleben und Tätigkeitsfreude stärker geneigt sind, Elaborationsstrategien anzuwenden.
    Zur Frage der Balance zwischen positiver Grundatmosphäre und der Einforderung von Leistung und Mitarbeit: Aus meiner Sicht ist es wichtig, zu Beginn klar und nachvollziehbar den Studierenden zu kommunizieren, welche Studien- und Prüfungsleistungen in der Veranstaltung verlangt werden. Die Studierenden sollten verstehen können, aus welchen Gründen sie welche Dinge in dem Seminar oder der Übung leisten sollen. Ich glaube, dass es für den Erfolg einer Lehrveranstaltung sehr wichtig ist, diese „Spielregeln“ sorgfältig einzuführen. Dazu gehört auch, die Konsequenzen aufzuzeigen, welche bei Nichteinhalten zu erwarten sind. Je nach Kontext, Art der Veranstaltung und Voraussetzungen der Lernenden muss man da unterschiedlich handeln, unterschiedlich streng sein oder unterschiedlich viele Regeln einführen. Die Balance kann also jedesmal eine etwas andere sein. Die Balance ist sicher misslungen, wenn die Studierenden das Gefühl haben, in einer Zwangsjacke zu stecken und keine Freiräume bzw. Gestaltungsspielräume mehr wahrnehmen. Dann kippt die positive Grundstimmung ins Negative sicherlich. Andererseits kann auf die Einführung, Erläuterung und das Achten auf Einhaltung von Regeln in keiner Veranstaltung gänzlich verzichtet werden, die innerhalb eines formellen Lernkontextes (Universität, Weiterbildung, Schule) stattfindet und mit der ein bestimmtes Lern- und Kompetenzziel erreicht werden soll.
    Beste Grüße,
    Matthias Nückles

  5. 5
    Reiner Fuest 

    Vielen Dank für die Rückmeldungen und den Literatur-Tipp!

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