Ist das Ende des gedruckten Lehrbuchs nah?

Mittwoch, 9. März 2011 | Autor/in:

Elektronische Bücher und mobile Endgeräte sind zentrale Trends des nächsten Jahres im Bereich der neuen Medien in der Hochschullehre. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngst erschiene „Horizon-Report“ 2011, der von einem internationalen Think-Tank, bestehend aus der EDUCAUSE Learning Initiative (ELI) und dem New Media Consortium, herausgegeben wird (auf Deutsch abrufbar unter: http://www.mmkh.de/upload/dokumente/2011-Horizon-Report_German.pdf)

Dabei scheint der Trend zu elektronischer Literatur nach eher gemächlicher Entwicklung im letzten Jahrzehnt nun rasch an Fahrt aufzunehmen. Wie der „Chronicle of Higher Education“ berichtet, sind in den USA im Jahr 2009 die Verkaufszahlen von elektronischen Lehrbüchern um 400% in die Höhe geschossen (Chronicle of Higher Education, 19. Januar 2010). Der McGraw-Hill-Verlag hat in der letzten Woche verkündet, seine 100 umsatzstärksten College-Lehrbücher zukünftig auch als ebooks anzubieten (The Wall Street Journal, 25. Februar 2011).

Auf Seiten der Verlage zählen ökonomische Vorteile durch geringere Vertriebskosten und die Möglichkeit, effektiv den Handel mit gebrauchten Bücher („used-books“; insbesondere in den USA ein bedeutender Markt) unterbinden zu können, zu den Antriebskräften, die eine schnelle Verbreitung fördern könnten. Die Studierenden andererseits könnten von fallenden Preisen, der einfachen und schnellen Verfügbarkeit von Literatur über Online-Bookstores wie z.B. iBooks, sowie der Möglichkeit, den kompletten Bücherschrank auf einem iPad oder Galaxy Tab zur Lerngruppe mitzubringen, profitieren. Zudem wird die Hardware zunehmend besser ausgestattet, komfortabler bedienbar und auch preislich für Studierende erschwinglich.

Didaktisch und lernpsychologisch betrachtet bieten elektronische Bücher völlig neue Möglichkeiten. So kann über interaktive Komponenten das aktive Lesen und damit das Verstehen und Lernen gefördert werden. Audiovisuelle Medien können Textinformationen ergänzen, Bilder lassen sich beliebig genau vergrößern oder aus verschiedenen Perspektiven betrachten – eine besonders spannende Möglichkeit für Fächer wie Anatomie oder Architektur. Über entsprechende Tools, beispielsweise für den Austausch von Anmerkungen, kann auch das Lernen in Gruppen unterstützt werden. Einige Videos mit interessanten Beispielen finden sich bei der Innovationsberatung IDEO, bei dem Start-Up Inkling und bei Dynamic Books, einem Multimediaableger des britischen Macmillan-Verlags. Dabei wird auch deutlich, dass sich nicht nur das Lesen und Lernen verändert. Auch auf die Autoren kommen Umstellungen zu. Die Grenzen zwischen ebooks und Lehr-Lernplattformen verschwimmen zunehmend in dem Maße, in dem Lehrende elektronische Bücher gezielt an die eigene Lehrveranstaltung anpassen können, wie dies das Beispiel Dynamic Books zeigt. Fakt ist allerdings auch, dass derzeit die meisten ebooks bisher nicht viel mehr als PDF-Versionen der gedruckten Ausgaben sind.

Im Grundsatz erscheint der berichtete Trend zu ebooks auch in der akademischen Lehre nach dem ganzen Hype des vergangenen Jahres um Tablet-Computer und Smartphones wahrscheinlich wenig überraschend. Trotzdem kann man sich die Frage stellen, ob die  Hochschullehrenden und die Scientific Community wirklich schon für die Einführung dieser neuen Technologien gerüstet sind. Schließlich geht es um nicht weniger als um die Frage der gedruckten Literatur, welche seit Jahrhunderten die Basis wissenschaftlichen Arbeitens und akademischen Lernens gebildet hat. Ein anschauliches Beispiel für noch ungeklärte Fragen ist die nach der korrekten Zitation aus elektronischen Quellen. Durch die Darstellbarkeit auf verschiedenen Bildschirmen lösen sich elektronische Bücher von dem Konzept der Seite und damit der Seitenzahl (The Chronicle of Higher Education, 06.Februar 2011). Hier müssen sich zukünftig erst neue Standards etablieren. Vorerst hat sich Amazon jedenfalls dazu entschlossen, die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe auch in den für den Kindle verfügbaren elektronischen Bücher anzuzeigen, auch wenn diese dort eigentlich keine Bedeutung haben.

Thematisch relevante Links zu Webseiten der Universität Freiburg:

Zum Angebot an ebooks der Universitätsbibliothek Freiburg

Praxisbericht: Tablet-Computer im Einsatz bei der Abnahme von Prüfungen

 

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Thema: News & Ausschreibungen

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Ein Kommentar

  1. Der Trend zum E-book wird untermauert von einer aktuellen Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die auf recht breiter Datenbasis fußt: Umfrage unter Sortimentern und Verlegern im Januar 2011, GfK-Verbraucherpanel und Konsumentenbefragung.
    Siehe http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/E-Book-Studie_2011.pdf

    Auf den ersten Blick interessant, dass die Anbieter deutlich optimistischer scheinen als die Nachfrager: die LeserInnen selbst sind in Deutschland noch sehr zurückhaltend.

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